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Älter werden in Deutschland: Last oder Lust


Vortrag von BRK-Direktor Josef Jung beim Neujahrsempfang am 6.1.2012


Denken Sie auch manchmal ans älter werden? Grad jetzt zum Jahreswechsel sind wir ja alle gleichzeitig um ein Jahr gealtert.


Die im Berufsleben stehenden sind der Rente ein Jahr näher gekommen. Und so manch ein Rentner mag denken: Wie viele aktive und gesunde Jahre habe ich noch vor mir?


Freuen Sie sich auf den Ruhestand und das dann kommende höhere Alter oder haben Sie Angst davor?


Sehen Sie sich selbst im hohen Alter unter einer Palme am Meer liegen oder als sogenannter „Pflegefall“ unter einem Bettgalgen?


Wissen Sie, was Ihre Pflege und Ihre eigene Betreuung einmal kosten wird, oder verlassen Sie sich auf Kinder oder Sozialhilfe? Oder sind Sie der Meinung, „das wird sich schon irgendwie regeln“?


Die Fragen gehen grad meiner Generation oft durch den Kopf. Eine Generation zwischen den Stühlen – nicht mehr jung und noch nicht richtig alt. Eine Generation, die sehr stark ist und gleichzeitig eine Generation, die zu wenig Kinder in die Welt gesetzt hat. Ja, meine Generation ist zahlreich. Wir sind Viele und werden als Alte ein stärkeres Wort mitreden dürfen als die heute Hochbetagten. Wir sind auch Wähler und ohne uns wird keine Partei planen können.


Laut aktuellem Seniorenkonzept des Landkreises leben heute im Landkreis Altötting rund 2.700 Menschen, die über 85 Jahre alt sind – einige Wenige sind auch heute anwesend.


Wenn ich einmal über 85 bin dann sind wir im Landkreis – so sagen die Statistiker- rund 8.000 Menschen über 85: Also 3 mal so Viele als heute!


In der S- und U-Bahn in München gehe ich dann davon aus, dass für Menschen unter 60 das Sitzen verboten ist, um genug Platz für uns ältere Damen und Herren zu haben.


Auf den Speisekarten in den Restaurants beginnen die Menüs dann mit dem Seniorenteller – aber nicht nur für ein Gericht, sondern für alle, weil wer will mit 85 schon die bisher üblichen Mengen mancher bayerischen oder steirischen Gaststätte verdrücken.


Ob auf der Speisekarte auch Kindergerichte draufstehen werden, wissen wir nicht. Weil Kinder erst geboren werden müssen. Was wir schon recht sicher wissen, ist, dass wir selbst keine Kinder mehr bekommen – vielleicht Enkel, wer weiß?
Na ja – irgendwer wird uns schon im hohen Alter umsorgen. Vielleicht der Partner: Aber wer hat schon noch einen Partner? Und in der Hälfte aller Partnerschaften tut der Lebenspartner im Tod den ersten Schritt!


Zur Not bauen wir zu den 14 bestehenden Altenheimen im Landkreis noch 28 Neue und die Pflegerinnen kommen aus Bangladesh.


Was uns das neue Jahr bringt, wissen wir nicht; und was uns die weitere Zukunft bringt, wissen wir erst recht nicht. Da hat Sokrates vor 2400 Jahren schon recht gehabt als er sagte „ich weiß, dass ich nichts weiß“.


Aber wir hoffen zumindest, dass nicht eine Krankheit oder ein Krieg uns aus der Planung wirft und unsere Lebenspläne durchkreuzt. Ich will auf alle Fälle alt werden: Es müssen ja keine heester´schen 108 Lebensjahre sein – aber 100 wär´n schon recht.


Was gilt es für uns zu tun - außer gesund leben, mäßigen Sport treiben vielleicht nicht zu rauchen und Alkoholkonsum nur in Maßen?


Ein Rezept Nummer 1 kann heissen: Sich auf das Alter freuen und nicht furchtsam das halb leere Glas anzuschauen und schauen wie es weniger wird, sondern sich über den halbvollen Becher freuen. Die Meldungen, die uns zu Optimismus über das eigene Altern berechtigen sollten, lesen wir täglich: Der Inder Fauja Singh ist am 17. Oktober in Toronto einen Marathon gelaufen. Singh ist 100 Jahre alt und wie sein Trainer sagte „überglücklich, dass sein Lebenstraum in Erfüllung gegangen ist“. Er war damit weltweit der erste 100jährige, der 42 km gelaufen ist und er steht nun im Guiness-Buch der Rekorde. Er plant übrigens für das Frühjahr den London-Marathon schon mal ein – vielleicht geht’s ja auch noch mit 101.


Oder bemerken Sie, wie die Kreuzfahrtangebote in den letzten Jahren zugenommen haben. Man meint fast, dass die Deutschen ihre Rente nur noch auf dem Meer verbringen, wenn sie nicht grad in Österreich Urlaub machen. Die Nordkap-Routen sind genauso Senioren-Renner, wie die verschiedenen Mittelmeerkreuzfahrten.


Die angestiegene Lebenserwartung zeigt uns, dass wir anders rechnen dürfen als unsere Vorfahren: Aktuell gelten in Bayern für Buben immerhin 78 Jahre als mittlere Lebenserwartung, für die Mädchen sogar 83 Jahre. Das ist doppelt so viel als noch Anfang des letzten Jahrhunderts und rund 15 Jahre höher als die Lebenserwartung unserer Großeltern. Und diese Zahlen gelten für Neugeborene – unserer eigenen Erwartungen sind höher, weil wir ja schon einige Lebensrisiken überstanden haben
Und nicht nur die Lebensjahre steigen an – auch die Lebensqualität und der Gesundheitszustand im Alter wird stetig besser: Wenn meine bald 75jährige Mutter ihre neue Ostasienreise plant, dann fühlt sie sich besonders jung – und ich denke zurück an meine Großmütter, von denen eine mit 67 gestorben ist, die andere mit 75 schon an der Schwelle zum Pflegebedarf war.
Deshalb nehmen Sie sich als Rezept Nummer 1 vor: Seien Sie für Ihre eigenes Altern optimistisch.


Zum Optimismus hinzu fügen Sie das Rezept Nummer 2:
Denken Sie an die Dienstleistungen, die Sie im hohen Alter brauchen werden!
Wir wissen alle, dass Dienstleistungen etwas Schönes sind – vor allem beim Nichtstun im Urlaub oder beim bedient werden im Restaurant. Dass Dienstleistungen was kosten, ist uns meistens auch klar.


Das zunehmende Alter bringt in aller Regel Bedarf bei Dienstleistungen im Haushalt:
Wer schleppt die Mineralwasserkiste ins Haus, die jedes Jahr schwerer wird?
Wer bringt den Waschkorb aus dem Keller oder trägt den Staubsauger durch die Wohnung?
Wer gräbt den Garten um, wenn es notwendig ist?
Wer schleppt die Mülltonne zur Straße und wer räumt den Schnee?
Je älter wir werden, desto mehr Dienstleistungsbedarf kommt dazu:
Da geht es vielleicht mit dem Bügeln nicht mehr.
Da muss jemand zum Putzen kommen.
Vielleicht wird uns auch das Kochen zu viel.


Noch mehr Dienstleistungen benötigen wir, wenn die körperlichen Kräfte in den höheren Lebensjahren noch weniger werden.
Da muss vielleicht morgens jemand die Kleidung vorbereiten. Da brauche ich eine Stütze beim Gang ins Bad. Da komme ich nicht mehr an die Zehen und andere Verrenkungen beim Waschen gehen auch nicht mehr. Beim Essen ist es mir dann am liebsten, wenn schon alles am Tisch steht. Vielleicht brauch ich sogar beim Essen selbst Hilfe. Es sollte jemand Einkaufen. Wer fährt mich zum Arzt? Wer trägt den Müll raus? Und überhaupt: Mit wem kann ich sprechen, wer hört mir zu, wem kann ich was erzählen und mit wem kann ich vielleicht Sorgen teilen?


Und so kann, ja wird es sein, dass wir froh sein werden, jemanden oder mehrere Personen im Alltag um uns zu haben, die die kleinen aber vielen Dienstleistungen erbringen.


Und der Bedarf an Dienstleistungen nimmt in den letzten Lebensjahren Jahr für Jahr zu.


Man schätzt, dass wir die letzten beiden Jahre des Lebens durchschnittlich 6 Stunden an Dienstleistung täglich brauchen, um das im Leben zu bekommen, was wir wollen.


Mein Rezept Nummer 2 heißt also etwas erweitert: Seien Sie sich bewusst darüber, dass Sie im hohen Alter Dienstleistungen benötigen werden, die Zeit kosten und planen Sie rechtzeitig dafür.


Und Kosten (zumindest fiktiv) fallen dafür natürlich auch an: Vielleicht 15.- € in der Stunde. Das sind bei 6 Stunden am Tag immerhin 90.- €.


Eigentlich gar nicht so schlimm – die letzte Reparatur von unserem Geschirrspüler hat 150.- gekostet.
Schlimm wird´s allerdings, weil die 90.- € jeden Tag anfallen und die Geschirrspülerreparatur nur alle paar Jahre.
Bei 365 Tagen im Jahr x täglich 90.- € macht das 32.850.- € an Kosten; bei zwei Jahren vollem Hilfebedarf sind das 65.000.- €.
Diese Kosten scheinen zwar hoch, fallen aber übrigens auch für die ersten Lebensjahre beim Großziehen von Kindern an. Sie werden nur nicht in Geld geleistet, sondern meist bleibt ein Elternteil zuhause und verzichtet in der Erziehungszeit auf ihren Lohn. Da sind 65.000.- € gleich beisammen, wenn wir die lebenslangen Verluste bei der Rente, die Steuerausfälle und die Löcher in den Sozialkassen, die Erwerbslücken mit sich bringen, mitrechnen.


Aus der einfachen Mathematik müssen wir also ableiten:
Ersparen Sie sich mindestens 65.000.- € in der guten Zeit, dann können Sie sich die Dienstleistungen, die Sie im Alter brauchen, kaufen. Wer früh mit der Altersvorsorge beginnt, müsste rund 100.- € pro Monat zurücklegen.
Oder Sie verlassen sich auf Menschen, die diese Leistungen zuverlässig erbringen und nichts kosten und Sie sparen nichts. Aber wer macht schon einen Vertrag mit den Kindern und wohnen die Kinder überhaupt am Ort? Und überhaupt: Wer hat schon Kinder?
Jedenfalls muss uns allen klar sein, dass der Dienstleistungsbedarf, den wir am Ende unseres Lebens brauchen werden, nichts Ungewöhnliches ist, sondern, dass das die Normalität darstellt genauso wie der Betreuungsbedarf am Anfang des Lebens. Insofern handelt es sich um kein seltenes Lebensrisiko, das vielleicht eintritt, sondern das Eintreten dieses Bedarfs ist normal und unwahrscheinlich ist eher das Nichteintreten.


Das Rezept 3 heißt demnach:
Sparen Sie nicht zuerst für das Erbe an Kinder und Enkel, sondern zur Finanzierung Ihrer eigenen Dienstleistungen, die Sie später dringend brauchen werden. Und wenn Sie doch für die Kinder sparen wollen, geben Sie Ihr Geld erst aus den Händen, wenn Ihre Kinder die Dienstleistungen für Sie auch erbringen können und wollen.


Dass das Ansparen in der Realität oft nicht geschieht ist leider Tatsache – sonst wären nicht aktuell trotz Pflegeversicherung 40% der in Heimen lebenden Menschen auf die Ko-Finanzierung durch die Sozialhilfe angewiesen. Und die Dienstleistungen in Heimen kosten auch nicht mehr als die zuhause erbrachten Einzelleistungen!


Und nur so sind Sie in der Zukunft keine Last auch bei Pflegebedarf. Im Gegenteil: Sie sind dann ein Mensch, der vorausschauend geplant hat und der Dienstleistungen finanziert. Sie können die gewollten Leistungen nicht nur kaufen, sondern Sie schaffen gleichzeitig wertvolle Arbeitsplätze. Und alleine bei der Prognose des Arbeitskräftebedarfs bei Pflegekräften sagt das Statistische Bundesamt, dass aus den heute rund 750.000 Pflegekräften in der Altenpflege einmal ein Bedarf von 2 Mio werden wird.


Was unsere Gesellschaft lernen muss, ist für mich offenkundig: Die Sichtweise, die alte Menschen stets als krank und pflegebedürftig, hilfsbedürftig und abhängig, unselbständig, ja unmündig in eine gesellschaftliche Ecke drängt, muss einer offenen, realistischen Betrachtung weichen: Alte Menschen sind willkommene Kunden in einem Dienstleistungsmarkt. Alte Menschen bringen unserer Gesellschaft wirtschaftliche Impulse; sie finanzieren einen Arbeitsmarkt der Zukunft. Sie sichern Arbeitsplätze in einer Dimension, wie wir sie uns heute noch gar nicht vorstellen können.
Die Dimension liegt weit über dem dreifachen von heute, weil auch unsere eigenen Vorstellungen wesentlich anspruchsvoller sind als die unserer Großeltern.
Alte Menschen und vor allem Hochbetagte mit 90, 100 und mehr sind keine Last; sie sind unabhängig von ihrer wirtschaftlichen Bedeutung Geschenke für unsere Gesellschaft. Sie sind hochinteressante Menschen.


Sie öffnen uns den Blick in eine andere Zeit. Sie können uns lehren, die richtigen Schlüsse aus der Vergangenheit zu ziehen. Sie können beispielgebend sein für Lebensphasen jüngerer Generationen; sie können uns zeigen, wie wir Aufgaben, die das Leben uns stellt, überwinden können. Alte Menschen haben Gesichter, in denen wir lesen, lernen und empfinden. Hochbetagte Menschen geben oft mehr als sie nehmen - man muss nur aufmerksam hinhören. Man muss nur Interesse an der eignen Zukunft haben, die man in alten Menschen lesen kann.


Unsere Gesellschaft muss noch mehr lernen, Hochbetagte als wertvolle Bestandteile der Gesellschaft nicht nur zu akzeptieren, sondern zu nutzen.


Nicht wie in Zeiten des antiken Stadtstaates Athen als Sokrates lebte, wo man alte Menschen systematisch ausgrenzte; sondern vielleicht wie im Judentum wo das Alt Sein als nahezu idealer Lebensumstand gilt.


In der jüdischen Gemeinde sitzen die ältesten Gemeindemitglieder in der Synagoge ganz vorne mit dem Rücken zum Thora-Schrein und werden bei der Thora-Lesung als Erste aufgerufen.


Auch die Japaner geben uns ein Beispiel: Seit 1966 gibt es einen amtlichen Feiertag – den „Tag der Ehrung der Alten“. Der keiro no hi – dieses Jahr am 17. September! Feiern wir doch mit – vielleicht mit schulfrei statt des leider nicht mehr schulfreien Josefitags.
In Deutschland ist die Wissenschaft vom Älter werden – die Gerontologie - eine noch relativ junge Disziplin. Aber auch hier gilt bereits seit den 80er Jahren das Denkmodell als überholt, das das Alter als eine Phase überwiegender Defizite und Verluste sah.
Wie neu das Thema des Alterns in Deutschland eigentlich immer noch ist, zeigt ein Blick in die Soziologie: Seit gut 10 Jahren gibt es das Teilgebiet der Alterssoziologie, die sich intensiv mit den Lebensbedingungen alter Menschen beschäftigt.
Und Deutschland tut gut daran, an diesem Zukunftsthema weiter zu arbeiten und es ins gesellschaftliche Denken zu rücken.
Immerhin war Deutschland das erste Land der Welt, das 1889 die Rentenversicherung eingeführt hat. Und Deutschland hat die Forschung auch nötiger als andere Länder – ist doch bei uns der sogenannte demographische Wandel im europäischen Vergleich am deutlichsten ausgeprägt.


Zum anfangs angemahnten Optimismus und der Zuversicht dem älter werden gegenüber möchte ich noch einen Aspekt ergänzen: Haben Sie keine Angst vor dem Alter - auch nicht vor Demenzerkrankungen!


Das Risiko, eine Demenzerkrankung zu bekommen, ist hoch. Bei den über 90jährigen liegt das Risiko bei rund 35%.
Die bekannteste Form aller Demenzerkrankungen ist die deren Symptome zuerst von Alois Alzheimer, einem deutschen Psychiater und Neuropathologen, im Jahr 1901 untersucht wurden. Zum Dank für seine Forschung hat diese von vielen gefürchtete Demenz seinen Namen erhalten. Alois Alzheimer selbst war nicht von der Krankheit betroffen. Er starb aber schon früh mit 51 Jahren an Multi-Organversagen.


Woher die Krankheit des hohen Alters kommt, weiß man bis heute nicht genau.
Eine aktuelle Langzeitstudie der University of Massachusetts hat zum Beispiel ermittelt, dass depressive Menschen deutlich häufiger demenziell erkranken als Menschen mit ausgeglichenem Gemütshaushalt. Das spricht sicher auch für meine Optimismustheorie.


Wenngleich das Risiko einer Erkrankung hoch ist: Zwei von drei Hochbetagten erkranken nicht. Die meisten Alzheimer-Kranken sterben übrigens an anderen Ursachen und nicht an dieser Krankheit.


Da ist umso weniger verständlich, das sich letztes Jahr der frühere Playboy Gunter Sachs mit 78 Jahren das Leben genommen hat, weil er glaubte, an Alzheimer erkrankt zu sein. Wir wissen, dass er bei normalem Verlauf der Krankheit noch fast 10 Jahre mit hoher Lebensqualität vor sich gehabt hätte.


Das hohe Alter ist auch bei einer Krankheit wie Alzheimer eine Zeit des Weitblicks und der Weisheit. Eine Zeit in der man geachtet und respektiert werden soll. Eine Zeit in der die Früchte geerntet werden, wenn man nicht zu säen vergessen hat. Eine Zeit, in der sich vielleicht Lebensrätsel lösen und die Erkenntnis des Lebens die eigene Sicht erweitert. Und diese Sätze gelten auch für demenziell veränderte Menschen.


Lassen Sie es im hohen Alter zu, dass Sie sich auch verändern, dass man vielleicht sogar in Raum und Zeit und Wahrnehmung etwas verrückt.


Dieses Verrücken in seiner Wahrnehmung kann auch älter werden bedeuten. Und doch bleibt der Mensch der Gleiche. Er legt seine künstlich aufgebaute Fassade ab und ist ganz Mensch. Er verliert seine kognitiven Fähigkeiten und bleibt in seinen Emotionen derjenige der er vorher war. Er taucht in eine andere Welt ein, die für ihn gültig ist und die damit auch für uns Gültigkeit haben soll.


Wir müssen dieses Verrücken als normal empfinden und dürfen nicht Krankheiten Tabuisieren, die Volkskrankheiten ja Normalität sind. Und wir müssen an diesem normalen Empfinden auch als Gesellschaft arbeiten – und nicht irgendwo, sondern auch in unserer Heimatgemeinde Winhöring!


Die amerikanische Schauspielerin und Sozialarbeiterin Naomi Feil hat vor 20 Jahren den Begriff „Validation“ nach Europa gebracht. Validation heißt, die Äußerung und Wahrnehmung des demenzkranken Menschen gelten zu lassen, nicht verändernd einzugreifen, nicht zu analysieren, zu bewerten oder zu korrigieren.


Validation ist eine Grundhaltung, die den alltäglichen Umgang mit Menschen bei dementieller Veränderung bestimmen kann.
Validation, heißt, den Mensch als Menschen wahrzunehmen und nicht seine Äußerlichkeiten zu diskutieren, sondern einen Stück Wegs mit ihm zu gehen mit seinen Gefühlen und mit dem Mensch in seiner Gesamtheit


Validation heißt auch Zugang zu bekommen zu Menschen deren Worte keinen Sinn mehr ergeben und die doch Gefühle haben wie in der Jugend.


Ohne in die Schulpolitik eingreifen zu wollen: Viel mehr sollten unsere Kinder und Jugendlichen von der Krankheit erfahren und über diese Normalität schon in der Schule lernen. Nur was man kennt, kann man begreifen. Und nur was man versteht, nimmt man ernst und bezieht es in sein eigenes Leben mit ein. - Vielleicht doch ein Feiertag „keiro no hi“ in der Schule oder ein Projekttag am 17. September?


Wir sollten deshalb keine Angst vor einem älter werden haben auch wenn sich demenzielle Veränderungen einstellen. Wir sind Mensch und bleiben Mensch. Nicht der hochbetagte Mensch ist das Problem, sondern wir als Gesellschaft in unserer westlichen Methodik alles zu bewerten, zu verändern und zu analysieren – wir sind das Problem.


Lassen wir die ältere Generation in Würde alt und sehr alt werden und begleiten sie, dann werden auch wir in Würde und Begleitung alt werden können. Und der langsame Rückzug ins eigene Sein ist kein unnormaler Vorgang, sondern die alltägliche Normalität, die wir zu achten haben und die zum Leben gehört.


Ein Menschenleben, das diese Phase ausblendet oder nicht durchleben will, ist unvollständig und um eine wichtige Erkenntnis ärmer. Meine wenigen Sätze, die das älter und alt werden skizzieren, haben vor allem einen Sinn und ein Ziel: Die Gesellschaft muss sich abseits von der politischen Bewertung und sozialversicherungsrechtlicher Fragestellungen der Wahrnehmung des Alters stellen. Unsere allgemeine Wahrnehmung muss sich verändern und eine andere, eine positive Sicht, zum hohen Alter entwickeln. Nur wenn die Gesellschaft den Wert des hohen Alters ganz begreift, nur wenn sich Alle im klaren darüber sind, dass das hohe Alter keine Last, sondern etwas Schönes und Wertvolles ist, nur dann werden auch unsere Politiker die Weichen für eine notwendige frühzeitige Rahmengesetzgebung stellen und nicht wie in der Vergangenheit oft auf sich abzeichnende langfristige Entwicklungen zu spät reagieren.


Beginnen müssen wir im Kleinen, bei uns in der Gemeinde; vielleicht im Blick für den Nachbarn; vielleicht für eine Diskussion in den Seniorenverbänden; vielleicht in einer Themenwoche in unserer Schule; vielleicht hier beim Neujahrsempfang.


Josef Jung